Dernière mise à jour : 01/07/2002

 

Deutschland beim Kampf gegen Kindesmisshandlung "Entwicklungsland"

 

Weimar (dpa) - Deutschland ist beim Kampf gegen Kindesmissbrauch nach Expertenmeinung im internationalen Vergleich ein "Entwicklungsland".

Sozialarbeitern, Ärzten und Juristen fehlten fachliches Wissen und praktische Erfahrungen im Umgang mit misshandelten Kindern, sagte der Kinderpsychologe Tilmann Fürniss heute in Weimar. Fürniss ist Ehrenpräsident der Deutschen Gesellschaft gegen Kindesmisshandlung und -vernachlässigung, die in Weimar einen dreitägigen Kongress mit 450 Teilnehmern veranstaltet. Keine verlässliche Statistik in Deutschland Jährlich nimmt die Polizei den Angaben zufolge etwa 1500 Anzeigen wegen körperlicher und 13 000 bis 15 000 Anzeigen wegen sexueller Misshandlung auf. Etwa 10 bis 20 Prozent aller Mädchen und 5 bis 10 Prozent der Jungen hätten ungewollt Körperkontakt. In Deutschland gebe es jedoch im Gegensatz zu den USA, Großbritannien oder den Niederlanden keine verlässliche Statistik, sagte Fürniss. "Es ist eine Pflicht der Gesellschaft, misshandelten Kindern zu helfen, und kein Hobby", erklärte Fürniss. Große Teile der eigentlich staatlichen Aufgaben würden heute noch von Privatinitiativen übernommen.

Die Bielefelder Professorin Edith Burger forderte mehr Zivilcourage von Sozialarbeitern. Wenn Hinweise auf Missbrauch vorlägen, müsse notfalls auch die Polizei informiert werden. Eines der dringendsten Probleme ist nach Ansicht der Experten die Weiterbildung. Vor allem in der Jugendhilfe bestehe Nachholbedarf. Lebenslange Folgen für die Opfer Kindesmissbrauch und -vernachlässigung seien massive gesundheitliche und menschenrechtliche Probleme, betonten die Fachleute.

Nach Untersuchungen in den USA würden die lebenslangen Folgen von Misshandlungen mehr als 500 000 Dollar (rund 560 000 Euro) pro Betroffenem kosten. Die Wissenschaftler, Sozialpädagogen, Psychologen, Ärzte und Juristen wollen (...) über Risiken und Schutzmöglichkeiten für Kinder und Jugendliche beraten.

Dabei werden auch Projekte mit traumatisierten Kindern und Jugendlichen oder mit jungen Tätern vorgestellt. "Diese jugendlichen Täter haben häufig eigene Missbrauchserfahrungen gemacht und wollen durch die Taten ihre eigene Ohnmacht überwinden", sagte Burger.

Immer mehr Kinder unter 14 Jahren seien für sexuelle Übergriffe verantwortlich.

18.04.2002 Ster aus Portail E110