Dernière mise à jour : 18/03/01
1300 Fälle in der Schweiz!
Kinderporno-Ring aufgeflogen
Lehrer, Ärzte, Anwälte und Richter gingen ins Netz

 

VON PIERINA HASSLER UND CLEMENS STUDER

ZÜRICH – Da tun sich Abgründe auf: 1300 Schweizer Männer stehen im Verdacht, im Internet kinderpornografische Bilder gekauft zu haben.

In 24 Kantonen führt die Polizei Razzien durch, über 500 Pädophile bekamen schon Besuch von den Fahndern. Und diese wurde auch fündig. Am schnellsten handelte der Kanton Solothurn: Dort sind bereits ein Primar- und ein Musiklehrer, ein Schulpsychologe und ein Untersuchungsrichter vom Dienst suspendiert. Die übrigen Kantone halten sich bedeckt. Doch BLICK weiss: Auch Ärzte und Anwälte stehen unter Verdacht.

Die Ermittler gehen systematisch eine Liste durch, die sie von der US-Bundespolizei FBI bekommen haben. Darauf stehen 1300 Schweizer, die bei der US-Firma «Landslide Productions» abscheuliche Kindersex-Bilder gekauft haben. Die Fahnder sind überzeugt: Viele haben nicht nur Bilder und Videos angeschaut, sondern auch Kinder missbraucht.

Die Razzien führen in die besten Kreise

 

ZÜRICH – Von Romanshorn bis Genf klopfen Fahnder an noble Haus- und Büro-Türen. Sie jagen 1300 Schweizer Pädophile aus den besten Kreisen. Computer um Computer transportieren sie ab, Diskette um Diskette stecken sie in Beweismitteltüten. In der Schweiz läuft seit Wochen die grösste Aktion gegen Internet-Pädophile, die es je gab.
 
So etwas haben die Schweizer Fahnder noch nie gesehen: Via Interpol erhielten sie von den amerikanischen Kollegen eine Liste mit 1300 Schweizer Kunden des grössten je aufgeflogenen Pädophilen-Netzwerks im Internet (siehe Box unten).

Die Bundespolizei leitete die Liste an die Kantone weiter. Denn anders als im Ausland fehlen den Schweizer Bundesbehörden die Mittel und die Kompetenz, selbst aktiv zu werden.

Folge: Während die einen Kantone schnell vorwärts machen und mit aller Fahndungsenergie den Pädophilen auf ihrem Gebiet das Handwerk legen, gehts andernorts um einiges länger.

Doch schon nach weniger als der Hälfte der angeräumten Überprüfungen wird das wahre Ausmass des Kinderporno-Sumpfes in unserem Land sichtbar: Die überwiegende Mehrheit der Verdächtigen gehören zu den besten Kreisen, sind Leute, denen man seine Kinder jederzeit anvertraut hätte.

BLICK weiss von Ärzten und Juristen, Lehrern und Professoren, Richtern und Politikern. Ein geschockter Ermittler: «Wir wussten ja schon, dass die Schweiz keine pädophilenfreie Insel ist, doch das übertrifft unsere schlimmsten Befürchtungen.»

Auch wenn sich die Mehrzahl der kantonalen Behörden mit Verweis auf einen Bundesberner Maulkorb offiziell zugeknöpft zeigt, brodelt es gewaltig in den jeweiligen Justizapparaten.

Am offensivsten gehen bislang die Solothurner Behörden mit den von ihnen aufgedeckten Fällen um.

Regierungsrat Walter Straumann (59) gab Ende letzter Woche den Tarif bekannt: Wer sich als öffentlicher Angestellter im Kinderporno-Netz verheddert hat, wird umgehend suspendiert.

Untersuchungsrichter und Hobby-Zauberer Markus Henzi (45) wurde als Erster freigestellt. Gleich ging es dem Schulpsychologen Dieter A.*, dem Leiter der Oltner Musikschule August S*. (36) und einem Bettlacher Primarlehrer. Bei Untersuchungsrichter Henzi tauchte mittlerweile auch der Verdacht auf, er habe Ermittlungen gegen Pädophile in seiner Region vorschnell eingestellt. Daran, dass sich rund 40 Solothurner «Landslide»-Kunden zufällig auf denselben üblen Internet-Seiten tummelten, mögen die Ermittler nicht mehr wirklich glauben.

Ein Ermittlungsinsider zu BLICK: «Da werden noch weitere Eiterbeulen platzen.»
Davon ist auch der Basler Kriminalkommissär Markus Melzl überzeugt: «Bei uns laufen über zwei Dutzend Verfahren. Wir sind am Sichten des zahlreichen beschlagnahmten Materials.»

Was die Fahnder von Romanshorn bis Genf besonders beunruhigt: Bei den Ermittlungen im Ausland sind nicht nur blosse Kinderpornografie-Besitzer und -Händler aufgeflogen, sondern auch üble Kinderschänder hinter Gitter gewandert.

*Namen der Redaktion bekannt

 

 

FBI übernahm heimlich das Kinderporno-Portal

 

VON PIERINA HASSLER


ZÜRICH – Wer auch immer Kinderpornos anbieten wollte, war bei «Landslide Productions» richtig. Diese sammelte weltweit Anbieter, vermittelte sie an 300 000 Kunden rund um den Globus.
 
Das texanische Ehepaar Thomas (39) und Janice Reedy (34) gründet «Landslide Productions» 1997. Das Internetportal – ein Treffpunkt von Käufern und Verkäufern – wird ein Erfolg. Das Ehepaar verdient sich mit üblen Bildern eine goldene Nase.
300 000 Abonnenten bezahlen monatlich per Kreditkarte 29.99 Dollar für den Zugang zu Websites mit Kinderpornografie. Eine dieser Websites heisst «Child Rape» (Vergewaltigung von Kindern).

Nach zwei Jahren fliegt das Geschäft auf. Die Reedys werden verhaftet. Zwei Jahre später erhalten sie die Quittung für ihr widerliches Tun: Thomas Reedy wird zu 1335 Jahren Zuchthaus verurteilt, seine Frau zu 14 Jahren. Die Verhaftung von 1999 teilte die Polizei nie mit. Das FBI bleibt mit «Landslide Productions» im Internet, das Portal ist weiterhin ein Renner.
Mit diesem cleveren Fahndungstrick gelingt es den US-Ermittlern, den grössten Kinderporno-Ring aller Zeiten zu sprengen